Autorin auf Fähre vor Kap Dukato (Lefkas/Griechenland)

 

Greta

Godberg

 

 

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In der libyschen Wüste per Autostop

-- Tagebuchauszüge --

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Indien 1982

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Iran 1979

Iran 2006

 

R e i s e n

- Von Casablanca bis Kyoto -

 

 

UNTERWEGS

Köln bis Kyoto und zurück (Dez.1966 - Dez.1968)

(Eine Reise auf dem Landweg und von Bombay aus mit einem französischen Linienschiff)

 

IRAK

(Auswahl)

Route per Zug und Bus – Trampversuche hatten wir bereits in der Türkei aufgegeben - Mossul, Ninive, Assur, Bagdad, Babylon, Al Diwaniya, Ur, An Nasiriya, Basra.

9.1.1967 Al Diwaniya: Das hat gerade noch gefehlt! Kränkelnd in diesem Kleindorf zwischen Babylon und Ur: heftiges Kopfweh. Seit gestern ist Heike (H. und H., die wir zufällig im Orient-Express - zwischen Iskenderun und Mossul - getroffen haben und mit denen wir im Bus hierher gereist sind, sehr nette Reisegefährten) beängstigend krank, hohes Fieber, Schwanken zwischen Apathie und Weinkrämpfen. Angst, dass es uns auch noch erwischt. In diesem Zustand der Ungesichertheit und des Verlorenseins, im Wechsel von Verkrampfung und der zeitweisen, wohligen Lösung eines Krampfes, treten die Bilder der Realität - dieses Landes, dieses Ortes - deutlicher hervor, sind mehr als unbeteiligt Geschautes. - Aufwachen gegen Morgen, die Zeit ist unklar, man selber zu schläfrig, um auf die Uhr zu sehen. Geräusch eines Zuges, ferne Stimmen, vereinzelte Pferdehufe auf der Straße. Plötzlich ein Böllerschuß, der dreimalige, dünne Ruf des Muezins, das Verlöschen der Lichter auf der Straße. Bis zum Sonnenuntergang darf nicht mehr gegessen werden, Ramadan. Gang durch die Kleinstadt, durch den Modder der schmutzigen, feuchten Straßen. Am Rande der Wohnsiedlung, in der Nähe eines neublitzenden Wasserturms, liegt ein verwesendes, zerfressenes Pferd im Abfallgraben. An den ausfließenden, schwammigen Eingeweiden tun sich die Fliegen gütlich. Der Gestank ist bestialisch, dabei ist jetzt Winter. (Und hier bleibt der Kadaver liegen, bis er verfault oder völlig blankgeätzt ist!) - Hundert Meter weiter ein Rundhüttenkral aus Lehm. In der Türöffnung hockt eine Frau, der Mann, ein Greis, hält auf dem harten nackten Holzbett im Hof Siesta. Beide schauen uns mit großen Augen nach.

Pfützenüberschwemmte Stadt zur Regenzeit, undurchlässiger Lehmboden, Verkrustungen. Algen und Laich auf den Pfützen, ein Häuflein spielender Kleinkinder nebenan, am Boden im Schmutz sitzend, lachend, als sie uns erblicken. An einer Biegung des Euphrats bietet sich ein malerisches Bild. Am schlammigen Ufer sitzen zwei buntgekleidete, in einen schwarzen Umhang gehüllte junge Frauen, Mädchen vielleicht noch, und waschen das Blechgeschirr, die Blechnäpfe, das Blechbesteck, die Schüsseln. Zwei kleine Kinder patschen mit nackten Füßen durch die Pfützen des Stroms. Ein verarmter, doch stolzer Scheich führt ein kräftiges Pferd zur Tränke. Das Wasser des Euphrats ist lehmig, von fern jedoch beinahe ätherisch, durchsichtig, mit feinen, kreiselnden Strudeln, leuchtend im klaren Mittagslicht.

Und in diesem gottverlassenen Nest inszeniert Ibrahim Khalil aus Bagdad (Kunststudium) Theaterstücke: Shakespeare, Goethe, Moliere, Brecht, Lorca ... Rückerinnerung Bagdad: Scheichs ziehen königlich, sauber gekleidet und Frauen missachtend, geradlinig ihren Weg durch schlammüberzogene Straßen! Im Fernseher eines Männercafe´s lief unter dem Beifall der Gäste ein Propagandafilm mit dem Aufruf " Krieg gegen Israel", martialisch, militant. Und militant war auch ein Soldat, der mir im Zug beim Aussteigen den Weg versperrte und sich mit einer Ohrfeige rächte, als ich ihn beschimpfte.

10.1.1967 Nach Heikes zweiter Penicillin-Spritze auf Schmuddelbahre - auf dem Flur des Krankenhauses hockten, wie am Tag zuvor, vermummte, vor sich hin jammernde Frauengestalten, die der Arzt nur durch den Schleier untersuchen kann - zum Bus Richtung Samaua. Dort nach Mittagessen und Tee Rappelbus nach Ur über breite "Wüstenautobahnen". Gepäck an Cocabude gelassen. Ohne Heike und Hannes (sind weitergefahren, in der Hoffnung auf ein - endlich wieder – "gutes" Hotel in An Nasiriya) 1 Km zu den Ruinen der Sumerer gelaufen. Besichtigung der Zigurat und der Gräber. Toll, weitaus faszinierender als die spärlichen Ruinen von Babylon mit dem einstmaligen Weltwunder der Hängenden Gärten, die jetzt eher an verlassene Getreidesilos erinnern. Bei Sonnenuntergang zurück. Leider (!) gleich Bus nach An Nasiriya bekommen. Nach langem verzweifelten Suchen - Ramadanende, Stadt im Festtaumel, alle Hotels belegt. H. und H. hatten das letzte Zimmer im besten Hotel am Platz ergattert - mit Hilfe eines netten halbwüchsigen Jungen preiswerte Unterkunft in den Souks gefunden. Beim Auspacken Fehlen verschiedener Sachen festgestellt (Cocabude!!). Sehr ökonomisches Verhalten, spaßesshalber aufgezählt: Wecker, Handtuch, Schal, Schuhcreme, Bänder, Kordel, Obst, die letzten Mon Cherie, ein gutes Brot von zweien, Nüsse, Zigaretten (4 Stck). Beschlossen, den Schleier christlicher Nächstensliebe darüber zu breiten, obwohl es angemessen gewesen wäre, die "Touristenfalle" in die Luft zu jagen. Einladung zum Haus des netten Jungen angenommen, Kakao (in Goldtässchen!) serviert bekommen. So schnell, wie es die Höflichkeit zuließ, aufgebrochen. Home zum Hotel. Nur noch schlafen!

Ergänzung: Während der Busfahrt stießen wir auf eine Gruppe schwarzverhüllter, winkender Frauen. Der Bus hielt. Große Abschiedszeremonie. Die Frauen brachen in lautes Klagegeschrei aus, schlugen sich an die Brust und bedeckten das Gesicht mit den Händen. Auch bei der Weiterfahrt im Bus legte sich die Aufregung nicht. Später erfuhren wir den Grund: ein Jugendlicher (Schüler) war ermordet worden. Einem Nomaden, der ihn gebeten hatte, ihm sein Schulbuch zu geben, hatte er geantwortet, wozu, er könne ja doch nicht lesen. Daraufhin tötete der Nomade den Jungen mit einem Messer. Insgesamt waren bei dieser Affaire, bei der es wohl auch noch um Viehbesitz ging, drei Männer getötet worden. Die Frauen fuhren zwecks Benachrichtigung des übrigen Clans nach An Nasiriya.

12.1.1967 Basra - Iran: Überquerten von Basra aus per Fähre die Grenze zum Iran, aufgegriffen von einem Scheichkonvoi, Kuwaitis, ein schicker englischer Wagen und ein Mercedes. Die Einladung ins teuerste Hotel von Khorramshahr mussten wir wegen der auf uns wartenden Familie Augustini in Ahwas und der "somehow" Dankesbezeugungen erwartenden Scheichs leider ablehnen!

Ruinen von Assur Picknick über Assur
 
Assur/Irak: Gepäck sicher bewacht
 
Babylon/Irak: Ex-Mitarbeiter von R. Koldewey - 1967 Ishtar-Tor (um 1000 v.Chr.), Haupteingang zur Stadt Babylon, rekonstruiert aus 12m hohen Resten Babylon: Frau aus Dorf am Rande des Ausgrabungsgeländes
 
Fabeltier/Babylon: Fries aus glasierten Ziegeln auf der Prachtstraße zum Marduk-Tempel
 
Ur/Süd-Irak: Basismauer und Treppe der Ziggurat (teilweise rekonstruiert) - 1967 Ur/Süd-Irak: Ziggurat von fern (teilweise rekonstruiert) - 1967

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