Autorin auf Fähre vor Kap Dukato (Lefkas/Griechenland)

 

Greta

Godberg

 

 

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Tor aller Länder in Persepolis/Iran

-- Tagebuchauszüge --

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Indien 1982

Indische Miniaturen

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Iran 1979

Iran 2006

 

R e i s e n

- Von Casablanca bis Kyoto -

 

 

UNTERWEGS

Köln bis Kyoto und zurück (Dez.1966 - Dez.1968)

(Eine Reise auf dem Landweg und von Bombay aus mit einem französischen Linienschiff)

 

IRAN

(Auswahl)

Route per Bus: Khorramshahr, Ahwaz, Shiraz, Persepolis, Isfahan, Qom, Teheran, Kashan, Yazd, Kerman, Zahidan, Grenze Pakistan.

23.1.1967 Isfahan: Als wir am Morgen, in den Rauch unseres eigenen Atems gehüllt, auf die Tchehar Bagh Allee hinaustraten und gegen den tiefblauen Winterhimmel die Minarette und die blütengeschmückte Kuppel der Medresse aufragen sahen – Mosaikwerk, Steinchen um Steinchen wie Teppichknoten um Teppichknoten von Hand "geknüpft" - wurde uns beinahe im Handumdrehen und bis hin zum Atemstocken klar, dass wir im Begriff waren, unser Herz an diese Stadt zu verlieren. Isfahan - Nesfe Jahan, sagt ein persisches Sprichwort: Hälfte der Welt.

2.2.1967 Teheran: Eiseskälte, mindestens 6 Grad unter Null, kalter scharfer Wind. Normalerweise sind wir gleichgültig gegenüber Bettlern, schon aus Selbsterhaltungstrieb. Aber so unbarmherzig und unrührbar auch wieder nicht, als dass uns der Anblick so vieler erbärmlich frierender Bettler am Abend, wenn wir selbst nach Hause, in die Wärme des Hotelzimmers eilen, nicht betroffen und nachdenklich macht: ein zerlumptes, in Decken gewickeltes Mädchen im Alter von 8-10 Jahren. Wir laufen vorbei, dann, wenige Minuten später, wird uns schamvoll bewusst, dass wir für eine solche Misere keinen Blick und kein Herz (mehr) haben, dass wir zu gefangen sind in der Einstellung, nicht jedem Bettler etwas geben zu können. - Eine Frau auf dem eisigen Boden des Bürgersteigs, völlig eingemummt in ihren Tschador, ein sechsjähriges Kind liegt neben ihr, den Kopf auf ihrem Schoß, große offene Augen. - Gegen eine Mauer gelehnt hockt ein Mann, das Gesicht mit einem Taschentuch bedeckt, die Hand geöffnet. Er schluchzt! Sonst wäre er wie in der Bewegung erstarrt. Ein Mensch, der verschuldet oder unverschuldet in Not geraten ist und sich schämt, zu betteln oder der sich schämt, weil er weint? Inkarnation nicht nur äußeren, sondern auch inneren menschlichen Elends. Jemand völlig am Ende! (Frage: Warum nicht zurückgehen? Nicht nur Geld geben! Aber was denn sonst? Seelsorge?)

4.2.1967 On the road: 24-Stunden-Busfahrt von Kaschan über Yazd nach Kerman. Fast die gesamte Strecke Piste, Bus mittelprächtig, nicht funktionierende Heizung, Lumpenbündel und Decken für die kalte Nacht bereits ausgebreitet. Nächtliche Fahrt durch Wüstengebirge, zum Teil schneebedeckt. Mehrfach Wolfsrudel gesehen. Zwischenfall Reifenpanne, nach Reifenwechsel lautstarkes Dankgebet aller: Allah-Mohammed-Ali.

Sehr einsame Strecke, kaum Dörfer, Häuser, und wenn, mit Festungscharakter, Umfassungsmauern. An einem Weiler steigen zwei nahezu steifgefrorene Männer ein. In Mäntel und "Lumpengefetze" gewickelt, trugen wohl alles, was sie besitzen am Leib, Mützen und Ohrenschutz. Stundenlanges Reiben und Blasen der Hände. – Tee-Rast in einem einsamen Gehöft; riesige Hunde mit dichtem Fell vor der Tür, Hirtenhunde, sehen gefährlich aus (Höllenhunde!), sind aber verspielt. Die Teestube mit großem Tisch, warm, petroleumbeleuchtet, eine gemütliche Räuberhöhle. Männer mit bärtigen, guten Gesichtern. Tee aus der Nachfüllkanne, wieder und wieder, bis wir alle durchgewärmt sind. Wer am Tisch keinen Platz mehr gefunden hat, hockt um ein Holzkohlenfeuer am Boden. Einige Männer rezitieren klassische Gedichte. Unser Poet, Handlungsreisender in Teppichen, schreibt engagiert, konzentriert und hin und wieder streng überlegsam einem Buskameraden ein selbstverfasstes Gedicht ins Notizbuch. - Toilettengang nach draußen, von Petroleumlampenträgern und "Höllenhunden" begleitet. Weiterfahrt! Ein zuletzt zugestiegener Alter rutscht unruhig auf seinem Platz hin und her. Plötzlich steht er gestiefelt und gespornt, das Reisebündel in der Hand, in seiner Bankreihe und starrt gespannt nach vorn. Wir passieren ein Dorf. Er zwängt sich durch den mit Gepäck zugestellten Gang bis zur Tür, steigt kurz darauf aus und verschwindet in der düsteren Ebene, in der man beim Vorüberfahren nur ein einziges Haus sieht. Ohne Angst vor Wölfen?

Inzwischen sind wir eine Busgemeinde: das pakistanische Ehepaar vor uns, junge, liebevolle Eltern eines einjährigen Kindes, auf dem Weg von Bagdad nach Lahore. Der wissbegierige Alte hinter uns, zahnlos, bärtig, in eine staubige Decke eingeschlagen, stets bereit, uns zu helfen, z.B., mir die Kordel des Schlafsacks, in dem ich sitze, zuzuziehen. Ein paar weitere bärtige Männer, schlafend, nach vorn übersinkend; meinem Nachbarn rinnen Speichelfäden aus dem Mund und versickern im Bartgewirr.

Wir schlittern und schaukeln unter Steinschlag dahin. Der Bus schiebt den Leuchtkegel vor sich her. Wir sind so verschmolzen mit der Busgemeinde, dass ein neu Hinzukommender stört. Er wird beargwöhnt. Wir sitzen eingemummt in unsere Schlafsäcke, über das Gesicht habe ich, meine Nase warm zu halten, ein Handtuch gelegt: eine Tschadorfrau! - Am Morgen zerfällt die Busgemeinschaft. "Familienmitglieder" steigen aus, neue, unbekannte und daher Unprofilierte steigen zu. Staubige Straße, keine gemütliche Tee-Rast mehr; nach 24 Stunden am vorläufigen Ziel, in Kerman.

7./8. Februar Von Kerman nach Zahidan - mit dem Nachmittagsbus. Um Mitternacht dort angekommen. Mit Busfahrern in einem Raum geschlafen. In Kaschemme Frühstück. Dort Wilfried kennengelernt, mit ihm zur Grenze Iran-Pakistan (und weiter auf dem großen Trip durch Pakistan, "Fliegender Holländer", 19, Einkäufer von Wegzehrung, Kekse, Brot, Obst, Clown und mein "personal bodyguard": Don´t touch her, she´s a lady! Anmerkung 2008) An Zoll- und Passkontrolle (Iran) 4 Stunden verbracht, erst spätnachmittags an eigentlicher Grenze eingetroffen. Kiefer runtergeklappt: in the middle of nowhere! Zugverkehr zwischen Iran und Pakistan wegen Cholera (wo, keiner weiß …) eingestellt. Zu Fuß über die Grenze nach Pakistan, zum "Hotel zur Lehmhütten", angeblich ausgebucht. In der Küche saßen um das Herdfeuer versammelt bärtige Männer. In regelmäßigen Abständen wurde Haschisch ins Feuer geworfen. Aufsteigende Schwaden, wären wir geblieben, wir hätten high werden können. Nach langem Hin und Her - große Aufregung unter den pakistanischen Reisenden: die bösen Iranis, die Schmuggler, Totschläger, Diebe, dazu die Wölfe von den Bergen, alle Gepäckstücke wurden zusammengeschnallt - im großen Gemeinschaftszelt auf Matratzenunterlage geschlafen. W. in eigenem Zelt, trotz aller Warnungen.

9.2.1967 Grenze: Morgens: wir lebten noch! Sturm auf den einfahrenden Kleinbus, den (von uns so genannten) "Nushki-Special", Klappergefährt, absturzreif, Fenster von innen vergittert, Route Zahidan-Quetta ca. 600 Km. Statt der zugelassenen 35 Personen - W. sagte "Schafe"- 70 reingepfercht. Start erst nach mehrmaligem Anschieben, 80 Meilen mit 35 Kmh pro Stunde bis nach Nokundi zurückgelegt. Dort mehrere Stunden Rast und Kontrollen. Kurz vor der Weiterfahrt am Spätnachmittag 3 Amerikaner im VW-Bus angehalten, alle drei unter Drogen, sehr unwillig uns mitzunehmen, nach langem Handeln schließlich gegen gesalzenen Geldzuschuss doch gemeinsam durch die Nacht bis nach Quetta gebraust; einmal ging das Benzin zur Neige, und wir überbrückten bis zur Tankstelle mit einer Mischung aus Kerosin und Alkohol, ein anderes Mal kam der Fahrer dank unseres Aufschreis von den Hinterbänken knapp vor einer Straßensperre zum Stehen. - Ausruhbedürftig nach 7 Tagen ununterbrochener abenteuerlicher Reise, gestern beschlossen, statt der geplanten 3 Tage mindestens 5 hier in der Dependance des "Quetta Grand Hotel" zu bleiben, zusammen mit Wilfried. Spartanisch eingerichteter Kleinbungalow, für uns jedoch fürstlich, allein schon wegen des zugehörigen Badezimmers, dessen überdimensionaler Ofen täglich um 17.00 Uhr angeheizt wird. Die Einwohner der Stadt hielten wir wegen der vielen großen "Blutlachen" auf den Bürgersteigen am ersten Tag mehrheitlich für TBC-krank, bis uns ein Offizier der pakistanischen Armee in einer Art Snackbar über das Bethelkauen und den daraus resultierenden roten Speichelfluss aufklärte.

An der Grenze Iran/Pakistan 1967 Morgentoilette im 'Hotel'-Zelt an der Grenze Iran/Pakistan 1967

 

Bus von Grenze nach Quetta/Pakistan 1967

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