Autorin auf Fähre vor Kap Dukato (Lefkas/Griechenland)

 

Greta

Godberg

 

 

Zurück zum Hauptmenü

Gopuram (Eingangsturm) des Sri-Ramanathaswami-Tempels in Rameshvaram/Südindien - 1967

-- Tagebuchauszüge --

Unterwegs/Irak

Unterwegs/Iran

Unterwegs/Pakistan

Indien 1982

Indische Miniaturen

Foto-Galerie Indien

Iran 1979

Iran 2006

 

R e i s e n

- Von Casablanca bis Kyoto -

 

 

UNTERWEGS

Köln bis Kyoto und zurück (Dez.1966 - Dez.1968)

(Eine Reise auf dem Landweg und von Bombay aus mit einem französischen Linienschiff)

 

INDIEN

(Auswahl)

Auf der Suche nach der "Indischen Spiritualität", in Absprache mit Prof. Bender vom "Parapsychologischen Institut, Freiburg", auch auf der Suche nach außergewöhnlichen (parapsychologischen) Fähigkeiten indischer Yogis und Heiliger, sind wir vom 19. Februar 1967 an - 4 Monate lang - ca. 10 000 Kilometer kreuz und quer durch Indien gefahren, den abgelegensten Adressen hinterdrein. Zumeist dritter Klasse Liegewagen (Holzpritschen), was einen ganz entscheidenden Vorteil hatte: die Wagen waren abgeschlossen und nur Reisenden mit entsprechendem Ticket zugänglich. Die Adressen samt Empfehlungsschreiben hatten wir vom "Institute for psychic and spiritual research New Delhi"und seinem Leiter Swami N. erhalten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Suche war nur sehr eingeschränkt von Erfolg gekrönt.

Unsere Indien-Erfahrungen in ihrer ganzen Vielfältigkeit mit ein paar wenigen ausgesuchten Tagebuchaufzeichnungen zu umreißen, ist sicher mehr als gewagt. Ich versuche es - trotz aller Vorbehalte!

16.3.1967 Bombay (einen Tag nach unserem Statistenauftritt in Bollywood): Tagesausflug nach Ellora zu den buddhistischen und hinduistischen Höhlen, beeindruckend, sicher, doch was mich nachhaltiger beeindruckte - und verstörte - war der Besuch eines kleinen Shiva-Tempels, einer Verehrungsstätte von Lingam und Yoni, das männliche mit dem weiblichen Geschlecht vereinende Symbol, ein Ring mit aufragendem Glied. Im nur mit Kerzen erleuchteten Innern des Heiligtums liefen zwei hagere, dunkel gekleidete Frauen (Weiber!) geschäftig umher, entzündeten Räucherstäbchen, schmückten mit flinken Händen den großen Lingam, küssten ihn, versäumten es - ganz nebenher - natürlich nicht, uns auf den Spendenteller hinzuweisen. Nachdem wir ein paar Rupien draufgelegt hatten, wendeten sie sich ab und knieten vor dem Lingam nieder, einen kleinen, etwa 3 -4 jährigen Jungen zwischen sich. Sie fassten seine Hände, in eine Hand wurde ihm eine Klapper gedrückt, die Erwachsenenhände schlossen sich fest um die Kinderhände, dann begannen die Frauen zu beten, rasch, monoton, laut, die Stimme des Jungen hinkte hinterher, eine Frau schüttelte die Klapper in seiner Hand. Der Junge kniete ein wenig zurückgebeugt, die Frauen zerrten ihn an den Armen nach vorn: Bete an, bete an die Macht des Lingam! Das ist natürlich meine Interpretation , niemand, weder die Frauen noch die nur mit einem Lendenschurz bekleideten Tempeldiener (oder Priester?) konnte uns etwas dazu sagen, sie sprachen kein Englisch. Vielleicht ein Initiationsritus. Ich dachte im C.G. Jung´schen Sinne: aufsaugendes mütterliches Prinzip, das einen kleinen, sich seines Geschlechts noch nicht bewussten Knaben lebenslang unter ihren Einfluss zwingt. - Im Innenhof streute ein junges indisches Ehepaar dem heiligen Bullen (Shivas Reittier) Blüten übers halb verstümmelte Haupt, zerschlug an ihm eine vor dem Tempel erstandene Kokosnuss und salbte ihn mit der Milch. Die Frau fing sie mit den Händen auf und rieb sie über Stirn und Wangen (Bitte um Fruchtbarkeit?) - Es ist alles noch ganz ungewiss.

24.3.1967 Zugreise nach Bangalore (3. Klasse Sleeper): Wie üblich - und immer wenn möglich - oberstes Bretterbett (muss am Tage nicht runtergeklappt werden), mit ausgebreitetem Schlafsack eine Art "Kuschelkoje". Alles Gepäck beisammen. - Uns gegenüber eine Brahmanenfamilie, Vater und erwachsene, sehr um ihn bemühte Söhne, Shivaiten, der Vater trug Stirnbemalung, quergestreift und die Brahmanenschnur um den Hals. Er schien praktizierender Priester zu sein. Gebete mehrmals am Tag. In einer Umhängetasche befanden sich offenbar Ritualgegenstände. Beim Gebet hängte er sich die Tasche um den Hals und vergrub eine Hand in ihren Tiefen. An einer Station stieg eine Familie mit Kindern zu. Alles an ihnen war schmuddelig, Kleider, Reisegepäck. Stellten den ganzen Gang mit ihrem Körben und Bündeln voll. Bevorzugter Sitzplatz von Mann und Kindern: der Boden. Der Mann musste sich um alle Belange, auch um die Kinder kümmern. Die Frau schlief ausgestreckt auf der Bank oder betete zu entzündeten Räucherstäbchen über Opfergaben gebeugt, unappetitlich aussehendem, in Zeitungspapier gewickeltem Proviant. Nach der Weihung durch die Gebete wurde das Essen verzehrt. Vor dem Schlafengehen versuchte die kleine Tochter, die Mutter zu wecken, indem sie ihr eine halbe Stunde auf dem Kopf herumtrommelte, vergeblich. Vielleicht war die Frau ja krank. – Kaum gedacht, verzogen wir uns in unsere Kojen. Träumte, döste unter dem Schlingern, dem Rollen der Räder, dem plötzlichen Bremsen und wieder Anfahren dahin, in Geborgenheit, dann und wann durch Stimmen, durch Schreien, Rennen, geweckt, Bahnhofsgeräusche. Rasch unsere Becher gegriffen und für ein paar Annas durchs Fenster hindurch Tee gekauft, einige Male in der Nacht, immer in der Hoffnung, das Wasser möge abgekocht sein und die Milch dazu! – Erwachte am Morgen aus dem Tiefschlaf. Auf den Plätzen der Brahmanen saß jetzt ein junges Ehepaar, die Frau in schickem Sari, alles ganz proper, hielt einen etwa einjährigen Sohn auf dem Schoß, nackt bis auf ein Lendenkettchen. Die Hand der Mutter lag zwischen seinen Schenkeln. - Ostersamstag. Im Hotel Eier mit Schreibstiften, Lippenstift und Kajal gefärbt.

26.3.1967 Bangalore: Die vor dem Schlafengehen im Zimmer "ausgelegten" Bananen waren nicht angenagt, d.h.: Keine Ratten! Eierverstecken und Suchen im Hotelzimmer. Raoul brauchte trotz Heiß-Kalt-Spiel sehr lange, das letzte, in Plastik gehüllte und an meinem Körper versteckte Ei zu finden. Schöner Ausruhtag.

28.3.1967 Aufbruch nach Mysore: Bauchzonen gaben Alarm. Vor Abfahrt des Zuges (7.30 Uhr) folgende Szene: auf dem Bahnsteig eine Gruppe "Heimatloser", Pavement-sleeper, soeben aus den Decken geschlüpft. Ein paar Männer, ein paar Frauen mit kleinen Kindern. Nacheinander gingen sie sich "irgendwo" waschen und "erleichtern". Die Kinder wurden gestillt, eine Frau las ihrem Mann die Läuse vom Kopf. Der bückte sich nieder zu dem kleinen nackten Sohn und küsste ihn. Lebensfreude und munteres Geplauder. Eine der Frauen besaß eine Puppe für die kleine Tochter. Das Spielzeug wurde brüderlich für eine bestimmte Zeit an die anderen Babies gegeben. - Später sahen wir die "Gesellschaft" wieder. Sie arbeiteten, Männer und Frauen, Hand in Hand beim Schienenbau. Die Kinder lagen auf Abstellgleisen oder unter Büschen im Schatten. Natürlich leben diese Menschen unterhalb der Armutsgrenze und doch machten sie keinen wirklich unglücklichen Eindruck. Sie in dieser Umgebung leben und arbeiten zu sehen, mutete fast idyllisch an, verglichen mit dem Anblick von Bauarbeitern, die wir in Delhi sahen. Tags und nachts schleppten sie Steine zu einem mehrstöckigen Haus im Rohbau, in Säcken auf dem Rücken oder in Körben auf dem Kopf, unter ihnen Frauen mit schwarzem Gesichtsschleier. Wir fragten uns, wie sie halbblind ihren Weg über Kies und Geröll fanden, unsicher, taumelnd. Der Kloakengestank um die Baustelle herum war atemraubend, am Abend gemildert durch Essengerüche, rings um die Baustelle loderten die Propangaskocher. - Landschaft zwischen Bangalore und Mysore: fruchtbar, grün, Reisfelder, Palmenhaine, Gebirge. Kann hier jemand verhungern?

29.3.1967 Mysore, Chamundeswari-Tempel: Ganz und gar unappetitlich war der priesterliche Geschäftsrummel. Ein einziges Geschäft mit den armen, im Glauben verstrickten Seelen. Ritus, den man schnell über hat. Er könnte sich nach diesem Muster genau so in jedem Tempel abspielen: Vor den Toren des Tempels lässt man seine Schuhe. Einer der "Tempel-Servants" versichert, er passe auf sie auf. Wenn man zurückkommt, findet man sie jedoch bei der offiziellen Schuhaufbewahrungsstelle, und zwei Leute, der Schuhwärter und der "Tempel-Servant" strecken die Bakschisch-Hand aus. Am vorderen Eingang hält ein geschäftiger Brahmane, kenntlich an der Stirnbemalung und der über den nackten Oberkörper gewundenen weißen Schnur, zusammen mit einem herausfordernd dargereichten Rupienteller, ein Blümchen bereit. Hat man gezahlt, darf man sich mit dem roten Puder bemalen, den Männer und Frauen sich auf die Stirn tupfen. Vor dem eigentlichen Heiligtum warten wiederum Tempeldiener, um den Besuchern eine "Besonderheit" zu zeigen - natürlich mit deutlicher Geldforderung – und/oder sie ins glöckchenbimmelnde, kerzenerleuchtete Innere zu führen. Da der Tempel groß und die gläubige Menge zahlreich ist, sind gleich mehrere Brahmanen damit beschäftigt, von einem Tablett gegen Geldspende geheiligtes oder geweihtes Wasser aus einem speziellen Töpfchen mit speziellem Löffelchen zu verteilen. Die Gläubigen netzen sich mit dem Wasser Stirn und Lippen, einige trinken es, küssen den Boden und überreichen dem Priester einen Teller mit Opfergaben: Kokosnüsse, Bananen, Blüten. Der Priester trägt sie ins Allerheiligste, weiht sie dem Tempelgott Shiva oder Vishnu - hier Shiva - zerschlägt die Kokosnuss (vermutlich am heiligen Lingam), behält die Hälfte der Gaben und gibt die andere dem Spender zurück. Der läutet zum Dank das Glöckchen! Die Pilger sind spendabel, allein schon, um sich ein gutes nächstes Leben zu erkaufen. Das führt dazu, dass viele Pilgerfamilien, insbesondere die der unteren Schichten (oder Kasten) sich, wie wir in Erfahrung gebracht haben, bis ans Lebensende verschulden.

Manchmal ist der Hinweis in christlichen Kirchen auf die Spenden schon recht deutlich. Hier jedoch ist die Forderung unverhüllt roh, gierig, peinlich. Danach ist man bereit, den ums Heiligtum gelagerten Bettlern etwas zu geben. Die ausgestreckte Hand ist harmloser (ehrlicher!).

5.5.1967 Kerala: Ratlos und wütend. Standen wieder einmal - und dieses Mal am Rande eines kleinen Dorfes, man kann auch getrost sagen eines Slums - am Pazifischen Ozean und hatten den Heiligen, von dem es hieß, er könne Dinge materialisieren, Süßigkeiten, Spielzeug, ja, Geld aus der Luft, nicht gefunden. Am Ende unserer Suche von Pontius nach Pilatus wurde uns von einem alten Inder mitgeteilt, doch, doch, es habe ihn gegeben, aber er sei vor 50 Jahren gestorben. So war es immer: entweder waren sie, die Swamis und Yogis: der Wunderheiler, der Augendiagnostiker, Hellseher, der Telekinetiker! gerade nicht anwesend, in monatewährende Meditation versunken, in einen neuen Ashram verzogen, auf Pilgerschaft, oder eben - verstorben. Waren sie anwesend, bekannten sie sich - oft bescheiden verschämt - zu ihren Siddhis, ihren paranormalen Fähigkeiten, zeigten uns Berichte von wissenschaftlichen Untersuchungen oder Filme, beteuerten aber, das sei eine einmalige Demonstration gewesen, sie dürften ihre Kräfte nicht verschleudern. Sie hielten uns - oft wirre - Vorträge über das blaue Licht der Erleuchtung und schwärmerische über ihre eigenen Gurus. Einer hatte stets die Gestalt eines Kindes behalten, war haar- und bartlos. Der Heilige, dessen Willen sich Königkobras unterwerfen, der Heiler, der von Giftschlangen gebissene Menschen und Tiere durch Besprechung heilt, die Yogini, die nach Belieben, d.h. für lange Zeit(en), den Atem anhalten kann - wir haben sie per Adresse gesucht und nie gefunden. Einen seriösen - und charismatischen - Eindruck machte Dr. Vinod, der laut Wissenschaftsbericht Kristallbildung durch Mantra-Yoga beeinflusst und verändert haben sollte und damit telekinetische Fähigkeiten besitzen musste. Wir konnten das zwar nicht nachprüfen, ließen uns aber - und in diesen Stunden fanden wir den Meister sehr überzeugend - in den von ihm praktizierten Nyana Yoga einweisen. Ebenso beeindruckt waren wir von Swami Raushan N. in N.Delhi, der uns gestattete, an einer Sitzung zur Erweckung der Kundalini teilzunehmen. Bei seiner mit machtvoller Stimme gesungenen AUM-Rezitation verspürten wir starke Vibrationen am eigenen Leib, und ich, die ich die Augen nicht wie Raoul, die ganze Zeit geschlossen hielt, sah die im Erwachen der Kundalini zuckenden Leiber der Teilnehmer und, dass einzelne von ihnen sich einige Handbreit - wie levitierend - vom Boden hoben. Das war bisher die ganze Ausbeute. Und jetzt, an diesem gottverlassenen Ort, und zusätzlich noch nach meiner Krankheit in Madras sind wir es leid, leid, leid!

Mitte Juni 1967, von Bombay nach Japan (auf dem Linienschiff der französischen Reederei "Messageries Maritimes"): Resümee unserer Irrfahrten durch Indien: den gesuchten Bodhi-Baum haben wir trotz einiger empfohlener "Gurus" nicht gefunden, und auch das sogenannte "spirituelle Indien" erwies sich in fast allen Fällen wie die hier weitgehend verbotenen geistigen Getränke: Flüchtig! Statt dessen haben wir, abgesehen von vielen Interviews durch alle Klassen und Kasten (faszinierend mit dem Sozialisten Fernandez) oft nahe am Hitzschlag, die Pilgermassen begleitet, die mit Kindern und Hausstand, kahlgeschoren zu den "reinigenden" Tempelfesten zogen und halbnackt - mit Lendenschurz und Blumengirlanden bekränzt - andächtig ihre Opfer darbrachten, bevor sie - angezogen und oft auch zusammen mit heiligen Kühen - im grünen Bazillensud eines hl. Tempelsees und natürlich im Ganges badeten, mit hohler Hand das Wasser schöpften und tranken - oder es in Flaschen füllten als Geschenk für die Lieben daheim.

Schlussbemerkung: Bei allem Eifer war der enge Kontakt mit dem "Volk" auf die Dauer doch zu bedrängend. Um einige Kilo leichter geworden, wollten wir nur noch raus aus Indien. Den Wahrsager vom "Tibetan market" in Delhi, der uns freudig mitteilte, in einem Jahr sähen wir uns wieder, lachten wir mit "never ever" lauthals aus. Tatsächlich überfiel uns nach einem Jahr in Kyoto die Sehnsucht nach dem "geheiligten Land". Wir kauften, da wir unsere Reisekasse durch Sprachunterricht aufgebessert hatten, ein Flugticket, und mit ausgiebigen "Stopovers" in Taiwan, Hongkong, Burma, Kambodscha, Thailand landeten wir nach genau 15 Monaten Abwesenheit eines Nachts Mitte Oktober wieder auf indischem Boden. Bei unserem Besuch im "Spiritual Institute" erfuhren wir, dass der verehrte Swami N. mitsamt der Gelder aus der Forschungskasse verschwunden war. Und last not least: Einen Heiler haben wir durch Zufall doch noch kennengelernt. Mit starken Armen und tief in seiner Brust rasselndem Atem, mit Stöhnen und Keuchen, mit der Rezitation von Mantras oder Gebeten, hat er mir, dicht über mich gebeugt, doch ohne mich zu berühren, meine chronische Bronchitis aus der Brust "gezogen". Ich habe eher an Hokuspokus geglaubt und die "Behandlung" rasch vergessen, stellte jedoch nach einigen Tagen wie nebenbei und ziemlich verblüfft fest, dass meine Bronchitis verschwunden war.

 
Familien'idyll' in Nordindien Freiluft-Toilette Tibetische Kinder im nordindischen Exil - 1967
Pilger(innen) in Nordindien Lingam und Yoni (Symbol für die Schöpfungkraft des Gottes Shiva) Pilgerin beim Tempelfest in Madurai - 1967
 
Srivanabelagola/Südindien: 18m hohe Statue des Jain-Heiligen Gomatesvara (Fest alle 12 Jahre)
 
Srivanabelagola: Opfergaben für den Heiligen zum großen Fest (links: die 'luftbekleidete' Fraktion der Gläubigen) - 1967 Madurai/Südindien: Tempelfest des Menakshi-Tempels mit Bad der Göttinen-Statue im Fluss - 1967

<< (Unterwegs/Irak)

Zum Textanfang