Autorin auf Fähre vor Kap Dukato (Lefkas/Griechenland)

 

Greta

Godberg

 

 

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Benares: Badende Pilger am Ganges - 1982

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I n d i e n   1982

 

Im Sommer 1982 reisten wir mit dem 9 Jahre alten Niel (Geburtstag in New Delhi) durch Indien. Ich schrieb damals an einem - dschungelhaft-ausufernden - "Indienepos" und glaubte, mir durch den unmittelbaren Kontakt mit dem Land neue Anregung holen zu müssen. Da wir wussten, welch große Herausforderung eine solche Reise für ein Kind darstellen würde, ließen wir es sacht mit einer Ferienwoche auf einem Hausboot in Kashmir angehen und - nach der Durchquerung des Landes per Flugzeug, Zug und Bus - mit einer Erholungswoche am Strand von Kerala ausklingen. Es war, wie erwartet, nicht einfach für Niel, und mein "Indienepos" ist - nebenbei - auch heute noch ein Fragment.

6.8.1982. Varanasi: Letzter Tag in Varanasi (Benares). Konnten uns um 4.30 wegen des andauernden, gerade vom Himmel herunterstürzenden Monsunregens nicht zu der vom Tourist-Office veranstalteten Ganges-Tour aufraffen, hätten auch zur Tourist-Office laufen müssen und die Straße war eine einzige Pfütze. Schliefen, wenngleich mit Bedauern, weiter. Erwachte gegen 6 Uhr von der Sonne und von außergewöhnlich melodischem Vogelgesang. Nur noch Nieselregen. Unzufrieden. Entschluss meiner-seits, doch noch, und zwar auf eigene Faust, zum Ganges zu fahren. Raoul war einverstanden, wenn auch lustlos. Niel etwas unsanft aus dem Bett geholt, er war noch verschlafen, stapfte aber mit. Die stark überflutete Straße war an den wenigen trockenen Stellen ein einziger Exkrementenhaufen, Haufen neben Haufen auf dem etwas höher gelegenen begrünten Mittelstreifen der Straße, vermutlich standen die üblichen Toilettenfelder unter Wasser. Toter Hund, Kleintierkadaver auf der Straße. Große Völkerwanderung: zur Schule gehende Kinder, proper gekleidet, die Schultasche zum Teil auf dem Kopf getragen, die Mädchen mit steifgeflochtenen Zöpfen, Männer, einige gingen barfuß und nackt bis auf den Lendenschurz durch die Pfützen. An der Hauptstraße Verkehrschaos, Rikschas, Taxis, Scooter, heilige Kühe. Fanden einen Scooter (um diese Zeit schwierig) und waren gegen 7.00 Uhr am Ganges.

Verbrachten eineinhalb Stunden im Boot auf dem Wasser zwischen der kleinen, temporären Verbrennungsstätte Süd und der großen Verbrennungsstätte Nord, vorbei an all den halb unter Wasser stehenden Ghats. Zeremonialbaden unter großem Gedränge, lange verweilt in der Nähe des buntgewandigen Frauenghats, den Blitzreflexionen der Kupfergefäße, der Badezeremonie des Untertauchens, Betens, Trinkens, Wasserschöpfens in Flaschen und Gläser zugeschaut. Fluss unvorstellbar lehmig mit Ascheresten, halbverkohlten Holzteilen und sonstigem blasig aufgeschäumtem, nicht identifizierbarem Schwemmgut, sehr starke Strömung. Nicht weit entfernt vom Sari-Ghat (hier bekommen die frischgewebten Saris vor dem Verkauf ihr Erstbad) flossen die Abwässer breitgestreut in den Fluss, aber die Inder sind ja überzeugt davon - und nicht nur die Analphabeten, sondern auch Gelehrte und Wissenschaftler - dass der heiligste aller Flüsse sich trotz des Mülls, der Exkremente und Leichenüberreste stets selbst reinigt, somit also keinerlei Bakterien enthält, wie angeblich alle jemals gemachten Labortests bewiesen haben. Faszinierend die Auswirkungen der Überschwemmung, die vielen, an Tempel und Hauswänden aufgemalten z.T. nur halb sichtbaren Götterbilder, die grausige vampirzähnige Kali, Todesgöttin, die halb aus dem Wasser ragenden überfluteten Korridore und Säulenhallen von Tempeln und Palästen mit Lingam- und Yoni-Altären.

Am großen Verbrennungs-Ghat, an dem nur noch die Stupaspitze eines Tempels aus dem Wasser ragte, gingen wir an Land, über verlehmte glitschige Treppenstufen, und weiter schmale Wege hinauf durch Schlamm, "piss and shit", über Kuhfladen, Bethelpfützen, Stapel von Holz, zwischen den Holz spaltenden Arbeitern hindurch, vorbei an Ziegen, Hunden (einer davon mit soeben geworfenen Welpen, was Raoul zu der Bemerkung veranlasste, das Leben kommt, das Leben geht), an den Pavillons mit wartenden Verwandten, Trauergästen vorbei zur Hauptverbrennungsstelle, wo auf 10 Verbrennungsplätzen (auf tiefer gelegenen, jetzt überschwemmten Plateaus gibt es weitere), die Feuer rauchten. Auf den Scheiterhaufen die in Seidentücher gehüllten Gestalten, die stochernden, holzwendenden Arbeiter (niederste Kaste, unrein) standen auf erhöhtem Platz, die Verbrennungsstellen selbst waren nicht zugänglich, Fotografieren unerwünscht! Großer Andrang, der Rauch nahm uns den Atem. Männer mit Körben transportierten die Asche zu einem Platz unterhalb des Ghats und schütteten sie auf die Steine hinab: von hier aus soll sie zu späterem Zeitpunkt vorsichtig in den Fluss gespült werden. Auf diese Weise können die Arbeiter nicht verbrennende Schmuckteile heraussortieren (diese dürfen sie, sagte man uns, behalten). Der Mindestpreis für eine Verbrennung beträgt etwa 60.- DM, die Dauer 3 Stunden. So lange sollten die Verwandten dableiben, um sich zu überzeugen, dass der Körper auch restlos verbrannt ist (man kann dazu auch jemanden beauftragen, muss dann jedoch einkalkulieren, dass die Zeremonie aus Zeitersparnisgründen vorzeitig abgebrochen wird und man die Knochenüberreste in den Fluss wirft). Im Anschluss an die Verbrennung folgt das reinigende Bad im Ganges.

Kurz bevor wir gehen wollten, wurde eine Leiche herangetragen, rotgekleidet, mit besticktem Seidentuch und Blüten bedeckt, Hunde jaulten auf, als sie unter dem Gesang der Träger zum Wasserplatz gebracht und dort tief untergetaucht wurde, tief hinein ins Gangesswasser, auf dem haufenweise Asche schwamm. Danach wurde das Seidentuch abgehoben, zwei Stücke heiligen Kuhdungs vom noch bedeckten Gesicht genommen, schließlich das Gesicht selbst enthüllt. Es handelte sich um eine noch junge Frau, der Kopf, seitlich weggerutscht, wurde ohne Schwierigkeiten - die Totenstarre konnte noch nicht eingesetzt haben - waagerecht, d.h. in seine normale Lage gedreht, die Augen waren geschlossen, die Zähne jedoch entblößt: Erschrecken - im ersten Augenblick, gleich darauf aber registriert, dass das Gesicht trotz des aufgerissenen Mundes friedvoll aussah, und sanft wurde es mehrfach unter Gebeten und Gesängen mit warmem, seifig-lehmigem Gangeswasser beträufelt, danach wurde der Körper zum Verbrennungsplatz getragen. Wir gingen durch den Modder und Kuhdung zurück zum Boot und nach kurzer Fahrt zur Haupt-Anlegestelle durch die engen Gassen zum Scooter. Der arme Niel, er hatte Probleme, sich zwischen den Pfützen, nach ihm tatschenden Kindern, den Kackhaufen, den Hunden hindurchzuschlängeln, einmal, er hatte gerade die Hürde Hunde-Ansammlung geschafft, da stand er, vom Boden aufblickend, einer prächtig gehörnten weißen Kuh gegenüber. Gott sei Dank begegneten uns keine leprakranken Bettler, mit ihren ausgestreckten Stummelhänden und dem "Ma-Ma-Bettelgewimmer" versetzen sie ihn stets in Panik. - Mit dem Scooter zurück zum Hotel, wo wir zuerst einmal unser Reinigungsbad nahmen, ausgiebig duschten und neue Kleider anzogen. Frühstücken konnten wir kaum, immer wieder standen uns die Erlebnisse des Morgens vor Augen, vor allem das Gesicht der Frau; mir fiel ein, dass direkt neben dem Verbrennungs-Ghat Kinder gebadet und ein Albino mit lehmigem Lappen und Sand Essgeschirr und Löffel akribisch gescheuert und abgespült hatte: warum auch nicht? Ist doch Gangeswasser sauber, heilig und bekömmlich!

Ab Mittag wieder schwere Regenfälle und Gewitter, das Dach unserer Pension hielt die Wassermassen nicht mehr, auf der Zimmerdecke breiteten dich dunkle Flecken aus, es tropfte aber - gottlob - nicht. Am Spätnachmittag Wetterberuhigung. Regencapes und Taschenlampe im Rucksack, gingen wir, begleitet von einzelnen "Heimwanderern", von einem verängstigten, in regelmäßigen Abständen aufjaulenden Hund, vom ohrenbetäubenden Quaken der Frösche aus den Pfützentümpeln zu beiden Seiten der Straße zum chinesischen Restaurant Bamboo. Wir wollten den Tag ruhig ausklingen lassen, aber eine am Nebentisch sitzende Familie machte uns einen Strich durch die Rechnung. Der Mann - Speiseölhändler - stellte uns seine Nachkommen mit den Worten vor: I have four children and one daughter. Sie, Studentin der Betriebswirtschaft, belehrte uns in aufdringlicher und prahlerischer Weise über ihr Land, das einzigartige, an Kulturgütern reichste, älteste und darüberhinaus höchst fortschrittlich(ste!) mit den besten Universitäten der Welt. Die indische Weisheit, die Gurus natürlich nicht zu vergessen. Wir kennen diese Tiraden, wollten sie aber an diesem Abend so ungefiltert und klischeehaft nicht schon wieder hören und verwiesen barsch auf unser inzwischen auf dem Tisch stehendes Essen. Auf dem Rückweg im Dunkeln, im Nieseldunst, kam uns, langsam "kolossale" Gestalt annehmend, eine Kuh entgegen, ein, wie wir im Licht der Taschenlampe sahen, ausgemergeltes und verkrüppeltes Tier. Und Niel, der verhärmte und versehrte Bettler - wenn sie nicht gerade leprös waren - kaum noch beachtete, sagte mit Tränen in der Stimme: die arme, arme Kuh.

 
F o t o - G a l e r i e

In Vorbereitung

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