IranKachel

 

Greta

Godberg

 

 

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Schwarze Katze (Kinderzeichnung)

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-- Textauszüge --

Keines Menschen Seele

Sultan und Saladin

Mundaka

 

Keines Menschen Seele

(6 Erzählungen)

 

2. Erzählung (Ausschnitt)

 

Wachsen wie Gras über Nacht

1955. Für einige Ferienwochen ins Haus ihrer Kindheit zurückgekehrt, erinnert sich die 12-jährige Helen in der ersten Nacht an ihre - hier zusammen mit einer gleichaltrigen Freundin verbrachten - Kinderjahre. An ihre gemeinsamen Spiele: die Unsinnspiele, Verkleidungsspiele, und - vor allem - die Geheimspiele hinter verschlossenen Türen, an erste homoerotische Erlebnisse. Auf dem Höhepunkt der Erzählung, in Ablösung von der noch einmal zum Leben erweckten Vergangenheit, in Ablösung auch von der Freundin und dem sowohl geliebten als auch gehassten Onkel, der ihr den früh verstorbenen Vater ersetzt hat, entdeckt Helen, Akrobatenspiele unter dem Zirkuszelt vor Augen, die Sexualität für sich selbst. In dieser Erzählung kam es mir auch darauf an, der traditionell männlichen Pubertätsgeschichte, eine weibliche gegenüberzustellen, der männlichen die weibliche Sexualität. Umfang: 70 Seiten

 

Geheimspiele

... Sie saßen im abgedunkelten Zimmer, allein im Haus und Karola sagte: weißt du noch, Helen, dein Bauch vor dem Spiegel, dein Luftballonbauch, wie du ihn immer dicker und dicker aufgeblasen hast? Weißt du noch den Fingerling? Wir wollten doch immer

Oh ja, sie weiß sehr gut, was sie immer wollten! Aber jetzt, mit all dem neuen Wissen aus dem Lexikon, aus "Romanen für Erwachsene" im Kopf, jetzt, wo Karola zusätzlich Tiger ins Spiel gebracht hat, will sie es nicht mehr. Doch da liegt Karola schon auf der Couch, nackt, und ehe Helen etwas sagen kann, hat sie ihr den alten, abgerissenen Schwanz eines Plüschtiers in die Hand gedrückt, und sie, Helen, starrt immerzu abwechselnd auf die nackte Karola und auf den Plüschschwanz, und Karola sagt, sei doch nicht so lahm, du musst den Schwanz, Himmelhölle, das weißt du doch genau, festbinden und da unten zwischen mich bringen. Aber Helen - auch sie findet sich nackt und ist so überrascht von ihrer Nacktheit, als hätte sie sich gar nicht selbst ausgezogen - weigert sich, den abgefetzten Plüschschwanz umzubinden wie damals den schwarzen Fingerling, und womit denn, Herr des Himmels? Mit Bändern und Schnüren, die werdet ihr ja wohl noch im Nähkorb haben! Bist du verrückt, einen Schwanz als Lendenschurz, ohne mich! Gut, gut, gut, dann eben nicht, denken wir uns halt, du hättest ihn dir umgebunden. Und so, von Karola besänftigt, legt Helen sich neben die Freundin, nein, auf mich, hast du denn alles vergessen, natürlich nicht, aber geht es denn wirklich nur auf diese Weise, egal, es wäre sowieso das letzte, wozu Karola sie herumkriegen könnte, es fällt ihr, trotz all der mühselig zusammengeklaubten Aufklärung, schon schwer genug, sich vorzustellen, was sie - überhaupt, und vor allen Dingen jetzt bei Karola, die sie zwingen will - mit dem Schwanz tun soll. Langsam, zögerlich, fängt sie an, die Freundin mit dem Spielrequisit um die Scham herum zu kitzeln, haarlos ist sie, völlig ungeschützt, diese Scham, in die sie nicht hineingucken kann, weil sie nicht wagt, sie mit ihren Fingern zu öffnen. Aber Karola ergreift, ohne zu zögern, mit einer Hand ihre Hand, öffnet mit der andern den Spalt für sie und führt die Hand so tief hinein, dass Helen zugleich die Wärme und Weichheit des Gewebes und die festen Wände spürt, Wände, die ihre Hand einklemmen, nein, gefangensetzen. Und plötzlich, während Karola reibend auf dieser Hand hin und her gleitet, hin und her galoppiert, Reiterspiel, an den Onkel erinnert sich Helen, dass sie früher einmal mit ihm über die Felder geritten ist, wie alt war sie da, fünf oder sechs, es muss nach dem Krieg gewesen sein, gegen seine Brust gedrückt, einen Arm um sie geschlungen, hat der Onkel sie gehalten, sodass sie sich sicher fühlen konnte, im wilden Galopp hoch oben auf dem Pferderücken beim Onkel geborgen. Im Ritt auf ihrer Hand beginnt Karola zu seufzen und zu keuchen und Helen weiß nicht, spielen sie nun Kinderzeugen oder Kindergebären, und da Karolas Atem mit jeder Gleitbewegung schneller wird, sucht sie, indem sie sich halb aufrichtet, nach einer Puppe in Reichweite, das Spiel, das ihr unheimlich geworden ist, zu beenden, nein, keine Puppe, ruft Karola mit merkwürdig gepresster Stimme, wir wollten doch, sagt sie und zieht Helen wieder zu sich hinunter, und jetzt liegt Helen tatsächlich auf ihr, beinahe jedenfalls, noch nie haben sie so, am ganzen Körper nackt, beieinandergelegen, dass sich Haut an Haut gerieben hat, etwas Lebendiges nehmen, du hast versprochen, beim nächsten Kinderkriegspiel (also spielen sie doch Kinderkriegen?), Tiger auf die Welt kommen zu lassen, doch ein solches Versprechen erscheint Helen unmöglich, unzulässig, obwohl sie weiß, dass sie es gegeben hat, Tiger ist kein Baby mehr, sagt sie, schreit sie, der ist ein erwachsener Kater, der muss kastriert werden, wenn wir ihn behalten wollen, doch Karola lacht, nimmt Helens eingeklemmte Hand und beginnt sie auf und ab zu bewegen, schnell und fest, Himmelhölle, so geht das, und den Schwanz, diesen mit Rosshaar oder Holzwolle ausgestopften Schwanz, den Helen immer noch in der freien Hand hält, wie soll sie ihn Karola in die Vagina? in das Innere des Bauches hineinstecken, ohne dass Gefahr besteht, die feine Hautfalte am Eingang, Jungfernhaut, einen alberneren Namen hätten sich die Ärzte, Männer, kaum ausdenken können, zu zerstören, Herr des Himmels, Teufel auch, was ist eigentlich so besonders schützenswert an dieser Haut, und wer hat ihr über deren Besonderheit etwas gesagt, nichts stand davon im Lexikon, aber sie weiß es halt, auf keinen Fall will sie Karola weh tun, und wenn die Haut einreißt, dann wird die Wunde bestimmt zu bluten anfangen, und die Faltenhaut vorn am Penis der Jungen, Jünglinge, muss die vielleicht auch geschützt werden ach, komm, den Schwanz, hört sie Karola sagen, lass ihn doch, so genau müssen wir es ja nicht machen, wir müssen es überhaupt nicht machen, denkt Helen, und während sie versucht, ihre Hand endlich aus der Umklammerung dieser unentwegt reibenden, fingerzusammenpressenden Seitenwände herauszuziehen, nicht nur - das ist ja Wahnsinn, was Karola macht, Zirkusprinzessin Karolina, das sind ja die reinsten Akrobatenbewegungen - weil sie Angst hat, die Innenhaut der Wände aufzuscheuern, sieht sie, wie schweißbedeckt Karola ist, spürt, als sie einen Augenblick in der Bewegung innehält, dass sie am ganzen Körper zittert, und schaut sie an, die schöne Freundin, deren Zöpfe sich halb entflochten haben und deren Wangen so rot sind, als hätte Helen Rouge darübergerieben (und plötzlich denkt sie, sie weiß selbst nicht warum, wie früher, wenn sie Karola geschminkt hat: das war ich, ich habe sie so schön gemacht und drückt einen Kuss auf die Wangen, auf die Augenlider mit den langen Wimpern, streicht, den Schwanz, dieses Ungetüm, mit Nachdruck beiseite gelegt, über die zarte, bewegliche Haut, als trüge sie vorsichtig Lidschatten auf, und die Haare, die der Freundin in die Stirn hängen, feucht und lockig, lässt sie durch die Finger gleiten, wieder und wieder, bis Karola plötzlich - und geheimniskrämerisch - sagt, he, was glaubst du wohl, wie dick dieses Ding hier drinnen geworden ist, Clitoris, denkt Helen, warum sagt sie nicht Clitoris, es ist neben Vagina das einzige Lexikonwort, das ihr zum Thema "weibliche Geschlechtsorgane" einfällt, sie ruft sich den Aufriss ins Gedächtnis, an dem sie alles verstanden hat, nur dass sie hier, bei Karola das Verstandene unerwartet schlecht zusammenbringen kann, sie kann ja nicht einmal richtig hinfühlen, so festgesetzt, wie ihre Hand ist, Karola ist nicht bereit, sie loszulassen, obwohl Helen glaubt, insgeheim fürchtet, eigentlich möchte sie es mir zeigen, das "Ding", Clitoris, jetzt gebraucht auch Karola das richtige Wort, und hält an, tief Atem zu holen, und da, einen kurzen Augenblick lässt der Druck auf ihre Hand nach, gelingt es Helen, sich zu befreien, das ist gegen die Abmachung, ruft Karola, wir wollten doch bis zum Ende spielen (ja, was denn eigentlich, wie sie selbst scheint Karola die beiden wichtigen Dinge, zwischen denen neun Monate liegen, durcheinanderzubringen), aber statt weiter zu lamentieren, Helen zu beschimpfen - denn dass Karola wütend ist, sie am liebsten schütteln möchte, spürt Helen genau, kratzen, möchte sie mich, mir die Augen auskratzen - wirft Karola sich mit einem Mal, gänzlich verkrallt in die eigene Hand, auf die Seite, und Helen, die mit einem Satz von der Couch gesprungen ist, tigergleich, ihn zu suchen, den zu gebärenden Kindkater, schon um des Friedens willen, sieht, dass Karola sich, nachdem sie noch ein paarmal - trotzig, schießt es Helen durch den Kopf, schau her, ich kann es auch alleine - über die Hand hinweg geritten ist, auf den Rücken fallen lässt, lachend, prustend, Herr des Himmels, die ist ja nicht die Spur wütend, staunt Helen, oder nicht mehr, nur nach Tiger fragt sie, hast du Tiger gefunden, und Helen wirft ihr Tiger, den Pfundskerl, sagt sie, der ist schwer wie ein richtiges Kind, zwischen die Beine, schickt rasch mit dem Satz: das ist aber unhygienisch, dieses Tier an der nackten Haut! eine Oma-Ermahnung hinterher, sie lachen (wenngleich Helen überhaupt nicht zum Lachen zumute ist, aber sie lacht, weil sie spürt, voller Erleichterung spürt, dass der Seiltanz, den sie soeben mit Karola aufgeführt hat zu Ende ist), und obwohl sie beide wissen, dass sie ganz plötzlich, innerhalb von Minuten, so jedenfalls kommt es Helen vor, für dieses Spiel zu alt geworden sind, ziehen sie Tiger Puppenkleider an, Tigerbaby, jetzt bist du gewickelt, sei brav, halt still, wie soll dein Sohn denn heißen, Karola? Dann lässt sie den Kater, der sich zu wehren beginnt, herunter, und der schleppt an den dünnen Kleidern, schleppt an der alten Babydecke, die sie ihm übergeworfen haben, wie an einem Tonnengewicht, tatscht nicht einmal mehr nach den Troddeln der Decke, wie komisch die Katze ist, denkt Helen und streift überhastet das Tuch ab, zieht Tiger die Kleider wieder aus und sagt, der ist zu groß geworden, der taugt nicht mehr für solche Spiele.

Der taugt nicht mehr! Wie oft sie solche Taugt-nicht-Sätze danach noch gehört hat, wochenlang. Das Tier taugt nicht für das Kind, ich habe es von Anfang an gesagt, das Tier ist räudig, man müsste mit ihm eine Wurmkur machen, wozu soll das taugen, es wird sowieso wieder Würmer bekommen und das Kind anstecken, ein krankes Tier taugt zu nichts, das Kind nimmt das Tier heimlich mit ins Bett, nicht nur einmal, ständig haben wir ihm gesagt, wie ungesund so etwas ist, das Tier müsste kastriert werden, bevor es anfängt, Duftmarken zu setzen, das ist doch ein ganz und gar untaugliches Mittel, wir können das Tier sowieso nicht mit in die Stadt nehmen, einen ausgewachsenen Kater in einer Stadtwohnung, das taugt nicht, das Kind hängt mit einer Affenliebe an dem Tier, die nicht mehr normal ist, im Ernst, die Sache mit He1en und dem Tier ist ein Ärgernis, es wird höchste Zeit, dass der Onkel klare Verhältnisse schafft. Da hat der Onkel Tiger, den Taugenichts genommen, ist mit ihm die Treppe hinaufgestiegen und hat ihn in die hinterste Flurecke gesperrt, sie, He1en, weiß auch nicht, warum er nicht versucht hat, über das Absperrgitter aus Brettern hinwegzuspringen, vielleicht haben sie ihm vorher etwas ins Essen getan, etwas zum Einschläfern Taugliches, reglos und verängstigt hat er in dem Verschlag gesessen und den Onkel angestarrt, bis am Ende der Onkel, sie hat noch gerufen, laut und warnend vom unteren Treppenabsatz herauf, Tiger, komm zu mir, der Onkel will dich töten, da ist auch schon der Schuss gefallen, sie ist, als der Onkel das Gewehr von der Wange nahm und sich von Tiger wegdrehte, die Treppe hinaufgerannt und hat Tiger gesehen, wie er mit zuckenden Pfoten auf dem Rücken lag, wo kommst du überhaupt her, hat der Onkel gesagt, du solltest doch zu Karola gehen, und: schau nicht hin! und: geh jetzt hinunter ins Wohnzimmer, ich werde Tiger fortschaffen und begraben, das taugt nicht für dich! Sie ist - warum eigentlich, Tiger war ja gar nicht tot aber im Sterben hat er gelegen, aus den Augenwinkeln heraus hat sie gesehen, wie er sich weiter am Boden gewälzt hat, die Pfoten hilflos rudernd in der Luft, sie hat Angst gehabt, die Zähne sind ihr aufeinandergeschlagen vor Angst, also ist sie, der Onkel hat ihr noch über die Haare gestrichen, mit der einen Hand, in der anderen hielt er weiterhin das Gewehr, und sie, betäubt und unfähig etwas zu sagen, hat das Streicheln zugelassen und ist dann: nun geh schon, geh schon, Helen! hat der Onkel gesagt, ungeduldig aber nicht unfreundlich, tatsächlich ins Wohnzimmer zurückgegangen, selbst hier unten konnte man, leise aber vernehmlich, das Hin- und Herschlagen von Tigers Körper auf dem Dielenboden über ihnen hören, und kurz darauf, während die Großmutter sie bei der Hand nahm und zum Sofa führte, guck mal, was ich hier für dich habe, eingemachte Erdbeeren, die isst du doch so gerne, fiel der zweite Schuss. ...

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